29.08.2026
MNEMO - Gedenkareal Dresdner Norden
Route (ca. 22 km, 2026-08-29_FSD_BSG-MNEMO.gpx):
- Bahnhof Dresden-Neustadt
- Alter Leipziger Bahnhof
- Ehemaliges Kaufhaus Fanger
- Ehemalige Goehle-Werke
- St.-Pauli-Friedhof
- "Judenlager Hellerberg"
- Heidefriedhof
- Festspielhaus Hellerau
- Trümmerberg (Hellerberge)
- Haltestelle Heeresbäckerei
Ich möchte euch herzlich zu einer besonderen und anspruchsvollen Wanderung einladen. Gemeinsam wollen wir eine über 20 Kilometer lange Strecke im Dresdner Norden ablaufen. Die Tour verbindet sportliche Bewegung an der frischen Luft mit dem bewussten Innehalten an zentralen MNEMO-Gedenkorten unserer Stadt Dresden.
Vorwort
Das alltägliche Stadtbild verdeckt oft die dunklen Kapitel der Vergangenheit. Viele Orte im Dresdner Norden, an denen Menschen während der Herrschaft des Nationalsozialismus ausgegrenzt, gequält, zur Zwangsarbeit gezwungen oder in den Tod deportiert wurden, sind heute unsichtbar geworden oder wurden lange Zeit aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt. Um diesem Vergessen entgegenzuwirken, verbindet unsere Wanderung diese historischen Täter- und Opferorte miteinander und holt ihre Geschichte in die Gegenwart zurück.
Den roten Faden dieser Route bildet das Projekt „MNEMO Gedenkareal Dresdner Norden“. In dessen Rahmen werden ausgewählte NS-Unrechtsorte im Stadtgebiet durch abstrakte Skulpturen dauerhaft im öffentlichen Raum markiert. Diese sogenannten „Splitter“ – entworfen von dem Künstler Jochem Hendricks und einem Architektenteam – ragen wie Fremdkörper in die heutige Umgebung hinein. Sie symbolisieren bildhaft den Zivilisationsbruch durch das NS-Terrorregime und fungieren als Mahnmale, die uns Passanten dazu zwingen, innezuhalten und uns mit der Geschichte auseinanderzusetzen.
Diese Wanderung ist mehr als ein historischer Rückblick. Anhand konkreter Einzelschicksale, wie dem der jüdischen Kaufmannsfamilie Fanger, wird das unfassbare Unrecht greifbar gemacht. Der Weg verdeutlicht, wie eng die Ausgrenzung in der Nachbarschaft, die Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie und die logistische Maschinerie der Deportationen miteinander verzahnt waren. Das Gedenken an diese Verbrechen ist eine unverzichtbare Aufgabe für unsere Gegenwart und Zukunft: Es soll uns davor bewahren, wegzusehen, und uns mahnen, Ausgrenzung und Diktatur stets entschieden entgegenzutreten.
Bahnhof Dresden-Neustadt
Die Exkursion nimmt ihren Ausgang am Bahnhof Dresden-Neustadt. Die dortige Gedenktafel sowie der im Pflaster eingelassene Davidstern markieren den Ort, an dem in unmittelbarer Nähe die Deportationen der Dresdner Jüdinnen und Juden ihren Anfang nahmen.
Die Platzierung der Gedenktafel und des Davidsterns am Personenbahnhof Dresden-Neustadt erfolgte aufgrund der hohen öffentlichen Präsenz dieses Ortes. Historisch betrachtet fanden die Deportationszüge jedoch auf dem Areal des benachbarten Güterbahnhofs – dem Alten Leipziger Bahnhof – ihren Ausgangspunkt.
Ein entscheidender Schritt im Prozess der systematischen Entrechtung und Vernichtung war die ab Herbst 1939 forcierte Ghettoisierung in sogenannten „Judenhäusern“. In diesen Zwangsquartieren lebten die Menschen unter prekärsten Bedingungen und permanenter Überwachung durch die Gestapo.
Rechtshistorischer Kontext: Das am 30. April 1939 in Kraft getretene „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ bildete die Grundlage für diese Maßnahmen. Es hob den Mieterschutz für jüdische Bürger auf und verpflichtete jüdische Immobilieneigentümer zur zwangsweisen Aufnahme wohnungslos gewordener Glaubensgenossen.
Lokalhistorische Dimension: Im Stadtgebiet Dresdens existierten etwa 40 dieser „Judenhäuser“, die als Instrumente der Segregation und Vorstufen der Deportation fungierten.
Weiterführende Informationen:
Das „Judenhaus“ Bautzner Straße 20
Exemplarisch für die Einzelschicksale dieser Zeit steht das Gebäude in der Bautzner Straße 20. Eine Gedenktafel erinnert heute an die entrechteten und ermordeten Bewohner dieses Hauses.
Das Anwesen ging 1937 in den Besitz der Israelitischen Religionsgemeinde über und wurde zum 1. April 1940 durch behördliche Anordnung offiziell als „Judenhaus“ deklariert.
Nachdem sie gewaltsam aus ihrem privaten Wohnraum vertrieben worden waren, sahen sich mindestens 46 Personen gezwungen, hier auf engstem Raum zusammenzuleben. Der Alltag der Internierten war geprägt von repressiven Kontrollen und willkürlichen Haussuchungen, in deren Verlauf Gestapo-Beamte schwere Misshandlungen, Demütigungen und Raub an den Bewohnern verübten.
Am 25. August 1942 erfolgte die Deportation der über 60-jährigen Hausbewohner mit dem Transport „V/5“ in das Ghetto Theresienstadt.
Jüngere Bewohner, die zur Zwangsarbeit in den Werken der Zeiss Ikon AG verpflichtet worden waren, mussten das Haus im November 1942 verlassen. Sie wurden in das zu diesem Zweck errichtete „Judenlager Hellerberg“ überführt. In der Nacht vom 2. auf den 3. März 1943 wurde das Lager Hellerberg geräumt; die Menschen wurden unmittelbar in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert.
Von den 46 namentlich bekannten Bewohnern der Bautzner Straße 20 überlebten lediglich drei die Befreiung am Ende des nationalsozialistischen Regimes.
Als Zeichen gegen das Vergessen und zur Würdigung der Opfer wurde am 30. August 2019 an der Bautzner Straße 20 feierlich eine Gedenktafel eingeweiht.
Weiterführende Informationen:
Alter Leipziger Bahnhof - Knotenpunkt der Deportationen
Vom Personenbahnhof Dresden-Neustadt führt der Weg zum eigentlichen Schauplatz der Verbrechen: dem Alten Leipziger Bahnhof. Einst ein Monument industriellen Fortschritts, fungierte er während der NS-Diktatur als logistisches Drehkreuz der Kriegswirtschaft und als Tor zum Tod. An diesem Ort, der künftig Teil des „MNEMO“-Gedenkareals und eines Begegnungszentrums werden soll, begannen in den Jahren 1942 und 1943 die Verschleppungen jüdischer Bürger in die Ghettos und Vernichtungsstätten Osteuropas.
Am 21. Januar 1942 verließ ein Transport mit 224 jüdischen Menschen aus dem Regierungsbezirk Dresden-Bautzen den Bahnhof in Richtung Ghetto Riga; nahezu alle Mitfahrenden fielen der Shoah zum Opfer.
Am 3. März 1943 folgte die direkte Deportation von 297 Dresdner Jüdinnen und Juden in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.
Ein erheblicher Teil der 1943 Deportierten war zuvor im „Judenlager Hellerberg“ interniert und zur Zwangsarbeit für die Zeiss Ikon AG (Goehle-Werk) herangezogen worden.
Der Bahnhof diente zudem als Transitstation für Deportationszüge aus dem Reichsgebiet, unter anderem im Juli 1942 nach Auschwitz sowie im September 1943 nach Theresienstadt.
Ein für den 16. Februar 1945 terminierter Abtransport der letzten in Dresden verbliebenen jüdischen Mitbürger unterblieb infolge der alliierten Luftangriffe vom 13. bis 15. Februar, was einigen Verfolgten das Leben rettete.
Neben seiner Rolle im Deportationsgeschehen kam dem Güterbahnhof eine strategische Schlüsselrolle beim Umschlag kriegswichtiger Güter innerhalb der nationalsozialistischen Rüstungsökonomie zu.
Weiterführende Informationen:
Jüdische Kultusgemeinde Dresden
In unmittelbarer Nachbarschaft zu den Deportationsgleisen, im historischen Empfangsgebäude des Alten Leipziger Bahnhofs, ist heute die Jüdische Kultusgemeinde Dresden (JKD) beheimatet. Diese bewusste Standortwahl verknüpft das Gedenken an die Shoah mit der Vitalität eines jüdischen Neuanfangs. Die chassidisch-liberale Gemeinde versteht sich als offenes Zentrum, das jüdische Traditionen zeitgemäß interpretiert und Begegnungen durch Spiritualität, Kunst und Diskurs ermöglicht.
Die Jüdische Kultusgemeinde Dresden e.V. (JKD) wurde im September 2021 als unabhängige, egalitäre Glaubensgemeinschaft konstituiert. Die Gemeinde residiert in der Eisenbahnstraße 1 – jenem Ort, der einst Ausgangspunkt für die Deportationen von Jüdinnen, Juden sowie Sinti und Roma war.
Die offizielle Einweihung der neuen Synagoge erfolgte am 3. September 2023 im Beisein hochrangiger Repräsentanten aus Politik, Gesellschaft und Religion. Als progressive Erneuerungsbewegung integriert sie Musik und gemeinschaftliche Elemente in die religiöse Praxis und den Alltag.
Das Gemeindezentrum umfasst neben dem Gebetsraum („Shtiebel“) eine Fläche von etwa 450 Quadratmetern, die auch eine Küche, Verwaltungsräume sowie die „Besht Yeshiva Dresden“ mit Lehr- und Wohneinheiten beherbergt.
Die spirituelle Leitung obliegt Rabbiner Akiva Weingarten, der die Gemeinde als Gründungsrabbiner maßgeblich prägt.
Weiterführende Informationen:
Ehemaliges Kaufhaus Fanger
Das einstige erfolgreiche Kaufhaus der jüdischen Familie Fanger in der Oschatzer Straße 15 ist ein eindringliches Beispiel für die systematische wirtschaftliche Ausplünderung und physische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Dresden. Am Schicksal der Familien Fanger/Auerbach lässt sich die unbarmherzige Maschinerie des nationalsozialistischen Terrors hautnah nachvollziehen, da ihr Leidensweg über mehrere Stationen verlief, die auch Teil unserer Wanderung sind: vom „Judenhaus“ über die Zwangsarbeit in den Goehle-Werken bis hin zum Judenlager Hellerberg. Während heute eine Gedenktafel vor dem neobarocken Gebäude an diese jüdische Familiengeschichte erinnert, verdeutlicht die gegenwärtige Nutzung des Hauses als Supermarkt den Fortgang des alltäglichen Lebens im Viertel.
- Unternehmensbeginn: Benjamin Fanger errichtete das Wohn- und Geschäftshaus im Jahr 1898. Nach seinem Tod führten seine Witwe Frieda, die Tochter Selma sowie deren Ehemann Moritz Auerbach den Betrieb des Kaufhauses fort.
- Erste Boykottmaßnahmen: Am 1. April 1933 geriet das Gebäude, in dem auch Flächen an das Kaufhaus „Hava“ vermietet waren, ins Visier der Nationalsozialisten. SA-Posten postierten sich mit Gewehren vor den Eingängen, um Kundschaft vom Einkauf abzuhalten.
- Zwangsenteignung („Arisierung“): Im Frühjahr 1938 wurden die jüdischen Eigentümer gezwungen, ihr Geschäft aufzugeben und an „arische“ Betreiber zu übergeben; die endgültige und vollständige Enteignung der Immobilie erfolgte im Jahr 1941.
- Vertreibung in ein „Judenhaus“: Die Familie Auerbach wurde 1941 aus ihren privaten Wohnräumen vertrieben und zwangsweise in das „Judenhaus“ in der Bautzner Straße 20 eingewiesen.
- Einsatz zur Zwangsarbeit: Im Rahmen des „Geschlossenen Arbeitseinsatzes“ wurden Selma und Moritz Auerbach in der Folgezeit zur Zwangsarbeit im nahegelegenen Goehle-Werk verpflichtet, das unsere nächste Station auf der Wanderung darstellt.
- Verschleppung und Ermordung: Die Gestapo internierte das Ehepaar am 23./24. November 1942 im „Judenlager Hellerberg“. Von dort aus wurden sie am 2./3. März 1943 direkt in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet.
- Schicksal weiterer Familienmitglieder: Die Mutter Frieda Fanger kam im Ghetto Theresienstadt ums Leben. Hingegen gelang der zweiten Tochter Elsa die Flucht durch Emigration nach Australien, wodurch sie den Holocaust überlebte.
- Neubeginn in Dresden: Benjamin Fangers Bruder Owsei und dessen Ehefrau Fanny überlebten die Internierung in Theresienstadt. Sie kehrten im Juni 1945 nach Dresden zurück und engagierten sich wieder aktiv beim Aufbau der Jüdischen Gemeinde.
- Sichtbares Gedenken: Zur Erinnerung an die jüdische Geschichte des Hauses und seine Eigentümer ließ die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit im Jahr 2012 eine Gedenktafel vor dem Gebäude aufstellen.
- Gegenwärtige Bedeutung: Wie notwendig dieses Erinnern im öffentlichen Raum bleibt, zeigte sich im Januar 2025, als das Denkzeichen von mutmaßlich antisemitischen Tätern beschädigt wurde.
Weiterführende Informationen:
Ehemalige Goehle-Werke - Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit
Der Weg führt weiter zum heutigen Zentralwerk, dem Areal der ehemaligen Goehle-Werke, die im Zweiten Weltkrieg als größte Rüstungsschmiede Dresdens fungierten. Hier leisteten hunderte jüdische Mitbürger sowie später KZ-Häftlinge unter inhumanen Bedingungen Zwangsarbeit. Der Ort ist tief im Netzwerk des NS-Unrechts verwurzelt: Die jüdischen Arbeiter wurden von hier in das Lager Hellerberg deportiert, während der nahegelegene St.-Pauli-Friedhof die Gräber verstorbener Kinder von Zwangsarbeiterinnen bewahrt. Diese Topografie des Gedenkens erstreckt sich über die gesamte Stadt bis zum Heidefriedhof und nach Hellerau.
Das Goehle-Werk wurde ab 1938/39 als getarnte Rüstungsproduktionsstätte der Kriegsmarine errichtet und durch die Zeiss Ikon AG betrieben. Das Portfolio umfasste die Fertigung von Zündsystemen für Flak- und Wasserbomben sowie hochpräzise Uhrwerke für die U-Boot-Waffe in Akkordarbeit. Mit rund 6.000 Beschäftigten avancierte die Zeiss Ikon AG zum bedeutendsten Rüstungsbetrieb im Raum Dresden.
Ab 1941 wurden circa 300 Dresdner Juden in einer segregierten „Judenabteilung“ zur Arbeit an der Zünderproduktion gezwungen. Nach ihrer Internierung im „Judenlager Hellerberg“ im November 1942 wurden diese Menschen im März 1943 fast ausnahmslos in das Vernichtungslager Auschwitz verschleppt.
Zwischen Oktober 1944 und April 1945 diente das Werk als Außenlager des KZ Flossenbürg für rund 700 weibliche Häftlinge. Die Frauen, zumeist aus Polen und der UdSSR, waren in den Obergeschossen unmittelbar über den Produktionshallen untergebracht. Die bauliche Struktur mit Stahlbeton-Luftschutztreppenhäusern war als Hochbunker konzipiert, wobei den Zwangsarbeiterinnen der Zugang zu Schutzräumen bei Angriffen verwehrt blieb.
Im „Goehle-Werk-Prozess“ von 1949 verurteilte ein Dresdner Gericht zehn Verantwortliche, darunter Betriebsleiter und Aufseherinnen, zu Freiheitsstrafen.
Das denkmalgeschützte Areal wird seit 2015 genossenschaftlich als „Zentralwerk“ revitalisiert und dient heute als Raum für Wohnen, Kunst und soziokulturellen Austausch.
Weiterführende Informationen:
St.-Pauli-Friedhof - Spuren des “Entbindungslagers Kiesgrube”
Unsere fünfte Station führt uns an die Mauern des St.-Pauli-Friedhofs, der ein stummer Zeuge eines weiteren unfassbaren Verbrechens der Dresdner NS-Geschichte ist. Unmittelbar nördlich des Friedhofs befand sich ab 1943 das sogenannte „Entbindungslager Kiesgrube“, in dem Neugeborene von Zwangsarbeiterinnen systematisch vernachlässigt wurden und einen qualvollen Tod fanden. Heute markiert ein an der Friedhofsmauer angebrachter MNEMO-„Splitter“ die Grabanlage dieser Säuglinge, die auf dem Friedhof verscharrt wurden, und mahnt uns, ihr Leid niemals zu vergessen.
- Der historische Ort: Das Areal nördlich des Friedhofs, eingebettet zwischen Radeburger Straße, Stauffenbergallee und Hammerweg, diente ab November 1942 zunächst als „Judenlager Hellerberg“ und wurde in der Folgezeit als „Entbindungslager Kiesgrube“ genutzt.
- Trennung von den Müttern: Schwangere Zwangsarbeiterinnen – überwiegend aus Polen und der Sowjetunion – mussten in diesem Lager entbinden, wurden aber kurz nach der Geburt von ihren Kindern getrennt, um weiter Zwangsarbeit zu leisten.
- Systematischer Tod: Da die Nationalsozialisten die Säuglinge der Zwangsarbeiterinnen ideologisch als „unwert“ einstuften, starben die Kinder langsam und qualvoll an gezielter Unterversorgung, mangelnder Hygiene und der fehlenden menschlichen Zuwendung.
- Begräbnis in Pappschachteln: Die Körper der toten Säuglinge wurden in einfachen Pappschachteln auf dem Gelände des St.-Pauli-Friedhofs vergraben.
- Anzahl der Opfer: Für mindestens 225 Kinder ist der Tod im Lager historisch exakt nachgewiesen, die genaue Opferzahl bleibt jedoch bis heute unbekannt.
- Gedenkanlage: Auf dem Friedhof gibt es eine eigene Gedenkanlage für die verstorbenen Kinder der Zwangsarbeiterinnen, welche unter anderem von Dresdner Kindern mitgestaltet wurde.
- Fertigstellung: Pünktlich zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar 2026 wurden die Splitter am Hellerberg und am St.-Pauli-Friedhof der Öffentlichkeit übergeben.
Weiterführende Informationen:
Heidefriedhof - Ein kritischer Blick auf das Gedenken
Als nächste Station erreichen wir den Heidefriedhof, der in den Nachkriegsjahren zu einer zentralen und zugleich ambivalenten Gedenkstätte für die Opfer des Zweiten Weltkriegs wurde. Durch die bauliche Gleichsetzung Dresdens mit Orten nationalsozialistischer Gräueltaten wurde hier über lange Zeit ein einseitiger Opfermythos gefördert, der die eigentliche Täterrolle ausblendete. Zur Markierung dieses historischen Bruchs und zur Richtigstellung des Geschichtsbildes wurde vor Ort der erste „Splitter“ des MNEMO-Gedenkareals platziert. Die Installation an der Dresden-Stele wurde bewusst im Gedenkjahr 2025 realisiert, dem 80. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus sowie der Zerstörung Dresdens.
Der 1965 eingeweihte, unter Denkmalschutz stehende „Ehrenhain für die Kämpfer gegen den Faschismus und die Verfolgten des Naziregimes“ bildet den Mittelpunkt des Gedenkens auf dem Friedhof.
Die Grabanlagen von Widerstandskämpfern und die Massengräber der Opfer der Luftangriffe vom Februar 1945 werden durch dieses Areal räumlich zusammengeführt.
Insgesamt 14 Stelen umgeben das Rondell. Sie nennen einerseits Konzentrationslager wie Auschwitz, Buchenwald oder Ravensbrück, andererseits Orte deutscher Kriegsverbrechen wie Coventry und Lidice.
Weil auch „Dresden“ auf einer dieser Stelen verzeichnet ist, entsteht eine historisch verzerrende Gleichstellung mit den Stätten der NS-Verbrechen, wodurch die aktive Verstrickung der Stadt in das Terrorregime verharmlost wird.
Als Reaktion auf diese geschichtliche Verfälschung wurde exakt an der Dresden-Stele eine farbige Splitter-Skulptur installiert. Das Kunstwerk verdeutlicht den Bruch mit der herkömmlichen Erinnerungskultur und versinnbildlicht ein Fragment des Ganzen, das fortan kritisch beleuchtet und hinterfragt werden muss. Mit diesem Splitter auf dem Heidefriedhof begann die bauliche Umsetzung des prämierten Entwurfs „MNEMO Dresdner Norden“ des Architektenteams und des Künstlers Jochem Hendricks.
Weiterführende Informationen:
Festspielhaus Hellerau - Vom Kulturort zur Kaserne
Unsere letzte Station führt uns zum Festspielhaus Hellerau, das 1911 als visionärer Ort für Kunst und Rhythmik errichtet wurde, bevor es durch die Nationalsozialisten tiefgreifend zu einem Ort der Gewalt umgeformt wurde. Ab 1938 wurde das Gelände militärisch ausgebaut und beherbergte eine Polizeischule, deren tausende Absolventen später als aktive Täter an den Verbrechen des Vernich- tungskrieges im Osten beteiligt waren. Um an diese dunkle Vergangenheit zu erinnern, markiert seit 27. Januar 2026, genau passend zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, ein MNEMO-„Splitter“ am Ostflügel diesen historischen Zivilisationsbruch dauerhaft im Stadtraum.
- Kultureller Ursprung: Das Festspielhaus wurde 1910/11 als Bildungsanstalt für Rhythmik erbaut und lockte die europäische Avantgarde an, verlor jedoch nach dem Ersten Weltkrieg zunehmend an Bedeutung.
- NS-Propaganda: Vor der endgültigen Umwidmung wurde das Gelände für Inszenierungen der Nationalsozialisten genutzt; 1934 fand hier im Beisein von Joseph Goebbels und Adolf Hitler die erste „Reichstheaterwoche“ statt.
- Errichtung der Polizeischule: 1938 entschied das Reichsinnenministerium, auf dem Areal eine Polizeischule einzurichten, wofür die alten Pensionshäuser abgetragen und durch zwei neue Kasernenflügel (darunter der heutige Ostflügel) ersetzt wurden.
- Ideologische Ausbildung: Ab 1939 befand sich hier eine von vier reichsweiten Lehranstalten für Unteroffiziere, bei der unter SS-Personal neben Waffentraining auch „Rassenlehre“ und die Verbreitung antisemitischer Stereotype gelehrt wurden.
- Aktive Täter: Die in Hellerau ausgebildeten und ideologisierten Polizeisoldaten waren später an Erschießungen, der Räumung von Ghettos und der Bewachung von Transporten in die Vernichtungslager Osteuropas beteiligt.
- Bauliche Zeugnisse: Im Treppenhaus des Ostflügels verweist bis heute eine überdauerte Inschrift mit einem kriegsverherrlichenden Zitat von Ernst Jünger („Ein Kampf ist immer noch etwas Heiliges...“) auf die einstigen Kasernen-Lehren.
- Standort der Roten Armee: Nach dem Krieg nutzten die sowjetischen Streitkräfte das Areal bis zu ihrem Abzug im Jahr 1992, wodurch eine kulturelle Nutzung für Jahrzehnte blockiert blieb.
Weiterführende Informationen:
Trümmerberg (Hellerberge) - Unter dem Grün die Trümmer der Stadt
Zum Abschluss unserer Wanderung verweilen wir auf dem Trümmerberg, um die Aussicht auf das moderne Dresden zu genießen. Dieser markante Hügel entstand jedoch nicht auf natürliche Weise, sondern bildet ein monumentales steinernes Grabmal aus den Überresten der im Februar 1945 zerstörten Metropole. Als sichtbares Zeugnis verknüpft er die Gewaltherrschaft, die wir an den MNEMO-Stationen kennengelernt haben, mit den fatalen Folgen eines Krieges, der letztlich auf Dresden zurückgeworfen wurde, bevor der Weg schließlich an der historischen Heeresbäckerei ausläuft.
Die Erhebung in den Hellerbergen (auch als Trümmerberg 2 bekannt) wurde in der Nachkriegszeit als gewaltige Deponie für den Schutt der zerstörten Dresdner Innenstadt aufgeschüttet. Der Hügel versinnbildlicht die verheerenden Folgen der alliierten Luftangriffe zwischen dem 13. und 15. Februar 1945, welche weite Stadtteile in Schutt und Asche legten.
Mithilfe speziell eingerichteter Trümmerbahnen wurden Millionen Kubikmeter an Ziegeln, Steinen und unbrauchbarem Schutt aus dem Zentrum an den Nordrand der Stadt transportiert.
Im Gegensatz zu traditionellen Monumenten fungiert der Trümmerberg als ein in die Natur integriertes Mahnmal, in dem unzählige Reste von einstigen Wohnhäusern, Gotteshäusern und Kulturgütern liegen.
Über die Jahrzehnte hinweg wurde die Halde gezielt begrünt und aufgeforstet, sodass ihr tragischer, künstlicher Ursprung unter dichtem Bewuchs kaum noch auf den ersten Blick erkennbar ist. Aufgrund seiner exponierten Höhe erlaubt das Plateau heutzutage einen weiten, friedlichen Ausblick über das Elbtal und das rekonstruierte Stadtgebiet.

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